
Der erste beyond electronics Salon fand im House of Communication in München statt – bei rund 60 kuratierten Entscheider:innen aus der gesamten Wertschöpfungskette, von der Rückgewinnung kritischer Rohstoffe über Entwicklung und Fertigung bis zum OEM. Der Abend setzte drei Schwerpunkte: Kreislaufwirtschaft und Rohstoff-Resilienz, Automatisierung und KI sowie das verbindende Ecosystem.
Auftakt: beyond electronics
Den Einstieg gaben Michael Schwienbacher (Co-Founder & Chief Ecosystem Architect, Sym) und Merlin Reingruber (Geschäftsführer Mayerhofer Elektronik, Founder Symtronics). Sie stellten beyond electronics als Initiative für eine zukunftsfähige europäische Elektronik vor, erklärten, was ein Business Ecosystem konkret bedeutet, und zeigten am Beispiel von Symtronics, wie das aussieht: Unternehmen, die Einkauf, Vertrieb und Daten teilen, statt jede Wertschöpfungsstufe allein zu bestreiten.
Wie ernst Reingruber und Mayerhofer Elektronik dieses Prinzip nehmen, zeigt sich am 100 % zirkulären Lötzinn, das gemeinsam mit der Feinhütte Halsbrücke entwickelt wurde – die Geschichte dazu haben wir bereits hier im Blog erzählt.
Kreislaufwirtschaft: vom Nachhaltigkeitsprojekt zum Business Case
René Bauer (Business Development Strategy, Siemens) zeigte, wie Kreislaufwirtschaft und digitale Produktpässe erst mit neuen Anreizsystemen und Ökosystemen zum echten Business Case werden und nicht bloß zum Nachhaltigkeitsprojekt mit Zusatzkosten. Als Praxisbeispiel diente die „Sentron“-Produktlinie von Siemens: Schütze und Leitungsschutzschalter, unter anderem in Rolltreppen und Aufzügen verbaut, die inzwischen vollständig refurbished angeboten werden, bei gleicher technischer Qualität, aber deutlich geringerem CO2-Fußabdruck als bei Neuware. Der Kernpunkt: Solange Kunden nicht bereit sind, für Nachhaltigkeit draufzuzahlen, muss Kreislaufwirtschaft über niedrigere Kosten und neue Geschäftsmodelle funktionieren, nicht über höhere Preise.
Automatisierung und KI aus der industriellen Praxis
Sebastian Siemes-Haidle (Product & BU Strategy Lead, SCHUNK Electronic Solutions) berichtete aus der industriellen Praxis, wie KI Prozesse beschleunigt und Wissen nutzbar macht: von automatisierter Materialbereitstellung bis zu vernetzten, weitgehend unbemannten Fertigungslinien. Sein Fazit im Panel danach war einer der Sätze des Abends:
„Irgendwie haben wir dann doch die gleichen Probleme.“
Michael Lobmeier (Chief Agentic Transformation Officer, Sym) knüpfte daran an: Bevor KI und Agenten-Systeme in einem Unternehmen sinnvoll verankert werden können, braucht es zuerst das richtige Daten-Fundament. Bei Sym wird deshalb kein neues ERP oder PLM gebaut, sondern eine verbindende Schicht darüber: Kontext, Rollen und Rechte, wiederverwendbare Workflows, kontrollierter Tool-Zugriff. Und er warnte davor, diese Grundlage einfach an große US-Anbieter auszulagern:
„Wir dürfen nicht das Auto mieten, mit dem wir fahren, sondern nur den Sprit kaufen für das Auto, das uns gehört.“
Drei Ausgangspunkte, eine gemeinsame Frage
Kreislaufwirtschaft, Automatisierung und KI - auf den ersten Blick drei völlig unterschiedliche Ausgangspunkte. Im Panel wurde deutlich: Es sind dieselben Fragen, die alle drei beschäftigen.
Wie schafft man Vertrauen für Datenaustausch entlang der Wertschöpfungskette? Wie sieht Maschinensouveränität im Zeitalter von KI und AI Act aus? Und wie bringt man Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit zusammen?
Michael Geiger brachte es am Ende auf den Punkt:
„Das Wichtigste ist, dass wirklich was rauskommt.“
Denn die größte Herausforderung ist nicht die Technologie, sondern die richtigen Menschen an einen Tisch zu bringen und Vertrauen für echte Zusammenarbeit zu schaffen.
Ob komplexe Elektronik auch künftig in Europa entwickelt und gefertigt werden kann und Know-how am Standort bleibt, entscheidet sich an drei Fragen: Sind kritische Rohstoffe gesichert? Ist die Fertigung resilient und wettbewerbsfähig? Und funktioniert die Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg? Der erste beyond electronics Salon hat gezeigt, dass an allen drei Fronten bereits gearbeitet wird – und dass aus dem gemeinsamen Abend direkt erste Kooperationsprojekte entstanden sind.
Der erste beyond electronics Salon fand am 29. Juli 2026 im House of Communication in München statt, moderiert von Alexandra Widmann, mit rund 60 Entscheider:innen aus der gesamten Elektronik-Wertschöpfungskette. Mehr zu beyond electronics: beyond-economy.eco/beyond-electronics