Pragmatismus statt Purpose: Was die Generation Future von Arbeitgebern wirklich erwartet

Josa Gräber
27. August 2026
6 min read

„Notwendiges Übel“ - so beschreiben 72 Prozent der 16- bis 35-Jährigen in Deutschland ihre Arbeit, bei der Generation Z sind es sogar 75 Prozent. Gleichzeitig sagen 85 Prozent: Arbeit soll vor allem Spaß machen. Diese Kluft zwischen Anspruch und Realität ist eines der zentralen Ergebnisse der neuen Schörghuber Zukunftsstudie 2026, die zum dritten Mal in Folge 2.000 junge Menschen in Deutschland zu den Themen Wohnen, Arbeiten, Reisen und Konsum befragt hat. Aus beyond economy-Sicht ist das keine schlechte Nachricht, sondern eine sehr konkrete Handlungsaufforderung an jedes Unternehmen, das mit dieser Generation rechnet: als Mitarbeitende, als Kund:innen oder als beides.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der Optimismus der Generation Future ist gesunken, ihr Pragmatismus gestiegen: aus Resignation wird bewusste Priorisierung von Stabilität, Gesundheit und sozialen Bindungen.
  • Bei der Arbeit klafft eine große Lücke zwischen Sinnanspruch (85 % wollen Freude an der Arbeit) und Realität (72 % erleben sie als „notwendiges Übel“).
  • Nachhaltigkeit bleibt wichtig, wird aber an Alltagstauglichkeit gemessen: Komfortverzicht ist für die meisten keine Option; ein zentraler Punkt für jedes Unternehmen, das mit Purpose ohne handfeste Angebote wirbt

Datenbasis ist eine repräsentative Kantar-Befragung von 2.000 Menschen im Alter von 16 bis 35 Jahren, durchgeführt im November 2025 und wissenschaftlich begleitet von Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, einem der profiliertesten deutschen Jugendforscher. Das gibt der Studie ein Gewicht, das über eine gewöhnliche Marketingumfrage hinausgeht und macht sie zu einer soliden Grundlage für unternehmerische Entscheidungen.

Der Optimismus bröckelt, aber das bedeutet nicht Resignation

Zwei Jahre nach der ersten Schörghuber Zukunftsstudie hat die Generation Future ihren Optimismus teilweise verloren. Das klingt zunächst nach schlechten Nachrichten. Ist es aber nicht: Statt Resignation zeigt die Studie eine bewusste Neupriorisierung.

Wichtigster Faktor für Lebenszufriedenheit ist für 63 Prozent die Familie, gefolgt von finanzieller Sicherheit mit 56 Prozent. Psychische und physische Gesundheit liegen fast gleichauf. Das sind keine radikalen Forderungen, sondernGrundpfeiler eines stabilen Lebens, die sich diese Generation angesichts multipler globaler Krisen selbst zusammenbaut, weil die äußeren Umstände sie nicht liefern.

Für Unternehmen heißt das: Wer diese Generation mit großen Zukunftsversprechen anspricht, adressiert nicht ihre eigentlichen Bedürfnisse. Gefragt sind Verlässlichkeit, Substanz und das ehrliche Eingeständnis, dass nicht jede Herausforderung sofort gelöst wird.

Arbeit als Pflicht, nicht mehr als Berufung

Die Studie zeigt bei Arbeit die vielleicht deutlichste Diskrepanz überhaupt. 85 Prozent wollen, dass Arbeit Freude macht. Gleichzeitig sagen 72 Prozent, sie sei ein notwendiges Übel, um Geld zu verdienen - bei der Generation Z sogar 75 Prozent. Ausgerechnet die Generation, die die nächsten 40 bis 45 Jahre den Arbeitsmarkt trägt, hat sich innerlich bereits von der Vorstellung verabschiedet, im Job die große Selbstverwirklichung zu finden.

Als unverzichtbar gelten dagegen moderne Technik am Arbeitsplatz, KI-Kompetenz und Gesundheitsangebote. Das ist die eigentliche Chance für Arbeitgeber: nicht mit Sinn-Rhetorik werben, die ohnehin niemand mehr glaubt, sondern konkret liefern, was diese Generation tatsächlich als Wertschätzung wahrnimmt: Weiterbildung, Gesundheit, verlässliche Strukturen.

Ganz so eindeutig ist die Lage allerdings nicht: 2026 steigt die Arbeitslosigkeit in Deutschland leicht, im Juli lag die Quote bei 6,4 Prozent. Gleichzeitig bleiben in Handwerk, Pflege und IT weiterhin viele Stellen unbesetzt. Es ist weniger ein pauschaler Fachkräftemangel als ein Mismatch zwischen Qualifikation und Nachfrage. Für Unternehmen in genau diesen Engpassberufen bleibt der Punkt trotzdem bestehen: Sie gewinnen diese Generation nicht mit Sinnversprechen, sondern damit, dass Gehalt, Gesundheit und Planbarkeit am Ende auch stimmen.

Wohnen und Reisen: hohe Ansprüche, wenig Verzicht

Beim Wohnen zeigt sich ein überraschend traditionelles Bild: 74 Prozent bevorzugen klassische Mietwohnung oder Wohneigentum, alternative Wohnformen bleiben Nische. Gleichzeitig sehen die Befragten selbst, dass diese Wünsche auf einen angespannten Wohnungsmarkt treffen. Zur Kompromissbereitschaft in Sachen Fläche, Komfort oder Lage sind die wenigsten bereit. Es öffnet sich eine Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die laut Studienbegleiter Prof. Klaus Hurrelmann gesellschaftlich und politisch zunehmend relevant wird.

Beim Reisen wiederholt sich das Muster: Knapp 40 Prozent sind bereit, für nachhaltigeres Reisen mehr zu bezahlen. Auf Komfort, Zimmerservice oder gewohnte Standards verzichten will davon nur eine Minderheit. Nachhaltigkeit ja, aber nicht auf Kosten der Lebensqualität.

Für Unternehmen aus Immobilien-, Hotel- und Reisebranche liegt der Hebel deshalb in Angeboten, die nachhaltiger sind, ohne dass sich Kund:innen dafür einschränken müssen.

Konsum als soziale Handlung

Beim Konsum zeigt sich: Konsum als Selbstzweck verliert an Bedeutung. Fast die Hälfte der Befragten bevorzugt den pragmatischen Einkauf: Supermarkt statt Erlebnis-Shopping. Der Alkoholkonsum ist weiter rückläufig: 29 Prozent trinken inzwischen keinen Alkohol mehr, 2023 waren es noch 25 Prozent.

Restaurants und Bars werden vor allem besucht, um Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Was zählt, ist die soziale Bindung, nicht das Statement. Es ist eine Abkehr vom Konsum als Identitätsprojekt, wie ihn frühere Generationen noch stärker gepflegt haben.

Was das für Unternehmen heißt

Drei Befunde aus der Studie lassen sich direkt in Handeln übersetzen:

  • 72 Prozent sehen Arbeit als notwendiges Übel. Wer Mitarbeitende sucht, sollte bei Gehalt, Arbeitszeiten und Entwicklungsmöglichkeiten konkret werden, statt mit einem Leitbild zu werben.
  • 63 Prozent nennen Familie als wichtigsten Faktor für Lebenszufriedenheit. Restaurants und Bars werden entsprechend vor allem für gemeinsame Zeit besucht. Für Gastronomie und Freizeitangebote heißt das: Tische und Räume für Gruppen einplanen, nicht nur Plätze fürs schnelle Erlebnis.
  • Knapp 40 Prozent zahlen für nachhaltigeres Reisen mehr, wollen dafür aber keinen Komfort aufgeben. Wer nachhaltigere Optionen anbietet, sollte sie zum Standard machen statt zur teureren Zusatzwahl.

Fazit

Die Schörghuber Zukunftsstudie zeigt eine Generation, die genau kalkuliert, was sich für sie lohnt: Stabilität, Gesundheit, soziale Bindungen. Für Unternehmen bedeutet das, bei  diesen Punkten konkret zu werden.

Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns auch im Themenfeld „beyond future skills and learning“ beim beyond economy Festival 2026: Mit Zukunftskompetenzen und der Frage, wie Führung und Organisationen sich anpassen müssen, wenn eine ganze Generation Arbeit anders versteht.

beyond economy Festival 2026

Josa Gräber
27. August 2026
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