Zirkuläres Zinn aus Sachsen: Symtronics und die Chance auf eine resilientere Elektronikindustrie

Olivia Rhye
11 Jan 2022
5 min read

In jedem Smartphone, jedem Steuergerät, jedem Satelliten steckt es drin – und trotzdem redet kaum jemand darüber: Zinn. Genauer gesagt Lötzinn, das Metall, das jede leitfähige Verbindung in der Elektronik erst möglich macht. Rund die Hälfte des weltweiten Zinnbedarfs fließt in die Elektronikindustrie. Ohne Zinn läuft buchstäblich nichts.

Das Problem: Das meiste davon kommt aus Gegenden, wo die Bedingungen alles andere als in Ordnung sind.

Was Zinn mit unseren Smartphones zu tun hat

China, Indonesien, Myanmar – das sind die drei größten Förderländer. Was dort passiert, hat ARD und ZDF bereits mehrfach dokumentiert: Weite Teile der Inselfläche auf Bangka sind von Minen bedeckt, ehemals fruchtbare Tropenwälder wurden in karge Mondlandschaften verwandelt. Schultertief waten Arbeiter durch Schlammlöcher, Mineneinstürze fordern jedes Jahr Menschenleben, Kinder brechen die Schule ab, um ihre Familien zu unterstützen.

Die EU-Konfliktmineralienverordnung verpflichtet seit Januar 2021 alle EU-Importeure zur Sorgfaltspflicht in ihren Lieferketten, wenn sie Zinn, Tantal, Wolfram oder Gold verarbeiten. Die Abhängigkeit von diesen Förderregionen ist also nicht nur ein ethisches Problem, sondern zunehmend auch ein regulatorisches und strategisches Risiko. Die Frage ist: Was tun wir damit?

Die Antwort kommt aus Halsbrücke, Sachsen

Wenn man durch Mittelsachsen fährt, ist sie ständiger Begleiter: die Hohe Esse. 1889 erbaut, war sie seinerzeit der höchste Schornstein der Welt und gilt auch heute noch als der höchste Ziegelschornstein Europas. Betrieben wird die Esse von einem kleinen mittelständischen Unternehmen: der Feinhütte Halsbrücke. Gegründet 1612, ist sie einer der ältesten Hüttenbetriebe Europas und Deutschlands einzige Zinn- und Bleihütte. Vor mehr als 30 Jahren hat das Unternehmen auf Sekundärmaterialien umgestellt, lange bevor irgendjemand das Kreislaufwirtschaftsgesetz buchstabiert hat.

Heute produziert die Feinhütte mit ihrer GreenTin+-Linie das weltweit erste zertifizierte 100 % zirkuläre Lötzinn. Aus Schrotten und metallhaltigen Rückständen aus der EU entsteht dabei Feinzinn mit einem Reinheitsgrad von 99,99 %. GreenTin+ ist in allen gängigen bleifreien Elektronikloten verfügbar, als Barren-, Draht-, oder Pastenlot und lässt sich direkt in bestehende Produktionsprozesse integrieren. Für die meisten Betriebe bedeutet die Umstellung also keinen Umbau, sondern schlicht eine andere Bestellung beim Lieferanten.

Das Vorurteil: Recyclingmaterial ist schlechter

Wer in der Elektronikindustrie das Thema Sekundärzinn anspricht, kennt die Reaktion. Die Erinnerung an die Umstellung auf bleifreies Lot – im Zuge der RoHSb Richtlinie - Mitte der 2000er Jahre sitzt tief, die damals erhebliche Probleme mit sich brachte.

Nur hinkt der Vergleich. Mayerhofer Elektronik aus Sauerlach bei München hat 2019 begonnen komplett auf zirkuläres Zinn umzustellen und dies als erster Elektronikhersteller weltweit. Die Lötverbindungen wurden mittels verschiedener Verfahren analysiert und die Ergebnisse waren eindeutig: Die Qualität der Lötverbindung ist im Vergleich zum vorher eingesetzten Primärzinn nicht schlechter. Im Gegenteil haben einige Analysen gezeigt, dass sogar leichte Verbesserunen der Lötqualität erzielt werden. GreenTin+ ist somit ein ökologisch gewonnenes Material höchster Güte.

Merlin Reingruber, Geschäftsführer von Mayerhofer, sagt es so:

"Wir waren auf der Suche nach einem nachhaltig hergestellten Lot, welches durch Kreislaufwirtschaft die Bedingungen in den Zinnabbaugebieten nicht weiter verschlechtert."

Ein weiteres Vorurteil, welches in diesem Zusammenhang oft bemüht wird, lautet: Zirkuläre Lote sind wesentlich teurer als Lote aus erster Schmelze. Tatsache ist, dass der Preis für Zinn – dem Hauptbestandteil eines jeden Lotes – stark vom Preis der Rohstoffbörse abhängt. Somit sind die Lote als Endprodukte im Vergleich mit anderen Herstellern im mittleren Preissegment.

Was das erst möglich macht

Feinhütte Halsbrücke und Mayerhofer Elektronik sind beide Teil von Symtronics, dem ersten Ecosystem der Elektronikbranche weltweit, betrieben von Sym. Und genau da liegt der eigentliche Kern dieser Geschichte.

Zirkuläres Zinn funktioniert nicht als Insellösung. Es braucht einen Hersteller, der Sekundärmaterial verarbeiten kann, einen Abnehmer, der bereit ist umzusteigen, und Strukturen, die Prozessrückstände sicher zurückführen und wieder in den Kreislauf einschleusen. Durch konsequenten Einsatz von Sekundärzinn können jährlich Tausende Tonnen Primärrohstoffe eingespart werden. Symtronics baut genau diese Infrastruktur: gemeinsame Daten, gemeinsamer Einkauf, kurze Transportwege, geschlossene Kreisläufe innerhalb Deutschlands und Europas.

Der Markt bewegt sich

Durch abgestimmte Kommunikation und gemeinsame Vermarktung dieser Sucess Story, wurden bereits Erfolge erzielt: Mayerhofer konnte dadurch Infineon als Kunden gewinnen, deren Elektroniken mit dem zirkulären Zinn der Feinhütte Halsbrücke, produziert wurden. Auch Konzerne wie Apple kommunizieren seit Jahren das Ziel, vollständig auf zirkuläre Materialien umzustellen und sind auch teilweise in der Umsetzung. Das dies als kleines Unternehmen innerhalb eines starken Ecosystems schneller umgesetzt werden kann, ist mittlerweile bewiesen: Denn Mayerhofer hat den zirkulären-Loop im Bereich Zinn bereits geschlossen.

Das passiert nicht aus gutem Willen allein. Die starke Abhängigkeit von importiertem Zinn in Zeiten globaler Krisen zu reduzieren, ist kein nice to have mehr. Wer jetzt anfängt, seine Zinnversorgung umzustellen, ist noch früh dran. Wer wartet, holt das in ein paar Jahren unter Zeitdruck nach. Und ob dieses Nachholen überhaupt möglich ist, steht in den Sternen, denn wir müssen jetzt beginnen die Produktionskapazitäten hochzufahren, bevor der große „run“ aufs Zinn beginnt.

Enkelfähig und bereits in Serienproduktion

Was die Feinhütte Halsbrücke und Mayerhofer Elektronik gemeinsam demonstrieren, ist kein Pilot- und auch kein Nachhaltigkeitsprojekt auf dem Papier. Es ist ein funktionierendes Modell, in dem gleiche Qualität, stabile Preise und Unabhängigkeit von Förderregionen keine Zielkonflikte mehr sind, sondern das Ergebnis von echter Zusammenarbeit im Symtronics Ecosystem.

Mehr zu Symtronics: symtronics.eco

Mehr zu GreenTin+: green-tin.de

Olivia Rhye
11 Jan 2022
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